Alles hat ein Ende...

Hätte man mir an Anfang meines Freiwilligendienstes gesagt das ein Jahr viel zu kurz ist, ich hätte es nicht geglaubt… Nun sitze ich wieder in Deutschland und denke an eine wunderschöne Zeit in Namibia zurück.

 

Aber erstmal muss ich noch etwas zu den letzten Tagen in Namibia sagen: Es war schwer! Sehr schwer! Bei jedem Gespräch und jeder Begegnung wurde unweigerlich das Thema Abschied besprochen. Auf der einen Seite war es meistens ein unangenehmes Thema aber auf der anderen Seite hat es gezeigt, wie gut ich in Swakopmund angekommen bin. Die enge Verbindung zu manchen Schülern und vielen anderen bestand nur, weil ich dieses Jahr in diesem wunderschönen Land verbringen durfte!

 

Bereits am Montag meiner letzten Schulwoche kündigte der Schuldirektor bei der morgendlichen Schulversammlung an, dass es meine letzte Schulwoche ist. Viele Kinder haben sich schockiert umgedreht und es nicht glauben wollen. Nach der Versammlung kamen dann viele Kinder zu mir und wollten einfach, dass ich bleibe. Am besten für immer :) Und so ging es in den folgenden Tagen weiter. Egal wo ich auftauchte, jeder fragte warum ich weg will und nicht bleibe. Das mein Visum auslief und ich ab Oktober meinen Master studieren werde wurde eher selten als Erklärung angenommen. Aber was sollte ich auch sagen? Ich wäre selber auch noch ohne weiteres 6 Monate geblieben. Aber alles Gute hat ein Ende und die neuen Freiwilligen waren schon in den Startlöchern.

 

Dienstag haben sich die African Queens nur noch einmal getroffen, um mich zu verabschieden. Die Mädchen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Sie können hervorragend diskutieren und man merkt einigen ihr Lebensumfeld an (Kinder werden im DRC nicht mit Samthandschuhen angefasst…), trotzdem war gerade das eine besondere Erfahrung. Außerdem konnte ich noch ein paar Geschenke verteilen, die ich von Spendengeldern gekauft habe. Die 5 Mädchen mit der meisten Trainingsbeteiligung haben kleine Geschenke wie Bälle, TShirts, Socken, etc bekommen. Auch für die kommenden Monate habe ich Coach Jackson Sachen besorgt, damit die Trainingsbeteiligung hoffentlich so hoch bleibt wie bisher ;) Die Saison geht erst im September weiter. Mit einem neuen Freiwilligen als Trainer und mit als größten Fan. Ich warte aber immer noch darauf, dass ARD/ZDF die Spiele live übertragen…

 

Mittwoch hätte das nächste Spiel für das U13 Team von Festus !Gonteb sein sollen. Aber mal wieder waren nur meine beiden Teams spielbereit und alle Spiele wurden auf September verschoben. Mal schauen, ob das jemals was wird… Ich hatte mich darauf gefreut mit einem hohen Sieg gegen unsere Nachbarschule abzutreten und mit den Mädchen eine Siegesfeier zu feiern :) Der anderen Trainerin des Teams habe ich zum Abschluss noch einen Ball, Hütchen und eine Trillerpfeife gegeben, damit sie das Team gut weiterbetreuen kann. Wir haben noch ein paar Spiele zu gewinnen ;)

 

Auch von den Leichtathletikgruppen war der Abschied schwer. Wir haben jede Woche zwei Nachmittage zusammen verbracht und dabei sind mir viele der Kinder ans Herz gewachsen. Dementsprechend wurden viele Spiele gespielt und ich konnte mich vor Umarmungen kaum retten. Eine von unseren Nachfolgerinnen wird sich hauptsächlich um die Leichtathletikgruppen kümmern und kann dann die Kinder an die neue Leichtathletiksaison im Januar heranführen. Ich erwarte da einige gute Ergebnisse.

 

Donnerstag haben die Lehrer dann mit uns den Abschied gefeiert. Es wurde gebraait und danach seeeehr viel gegessen. Auch bei den Lehrern hat man gemerkt, dass vielen der Abschied sehr schwer viel. Klar gab es einige mit denen ich recht viel zu tun hatte, aber bei manchen Lehrern hatte ich es nicht so erwartet. Besonders ein Lehrer, der eigentlich immer sehr distanziert war und mehr als Begrüßungen haben wir selten ausgetauscht, hat sich sehr schwer getan. Zum Abschluss hat der Schuldirektor noch eine seiner bekannten Reden geschwungen, in der er sich sehr nett für unsere Arbeit bedankt hat und meinte, dass wir für immer ein Teil der Festus !Gonteb Familie sind. Danach haben wir noch ein paar kleine Geschenke sowie eine Urkunde bekommen. Als ich ein paar Worte zum Abschied sagen sollte ist es mir sehr schwer gefallen. Was soll man auch sagen? War schön mit euch, danke für alles und jetzt Tschüss?!? Ich werde auf jeden Fall mit einigen Lehren in Kontakt bleiben und versuchen, bald wieder Namibia zu besuchen. Immerhin wurde mir gesagt, ich sei jetzt halber Namibier. Also muss ich zurück ;)

 

Donnerstagabend gab es dann noch mehr Essen (Ja, ich bin fast geplatzt… Aber wer mich kennt weiß, dass ich sehr gut essen kann ;) ). Die Faustballer haben zum Abschied von mir gebraait. Ich habe ein letztes Mal mit ihnen trainiert und danach wurde gegessen und Stunden lang geknobelt. Das Team ist mir echt ans Herz gewachsen. Auf der einen Seite war es immer ein kleiner Teil „Deutschland“, mitten in Namibia. Alle haben entweder als Muttersprache Deutsch gesprochen oder es später gelernt. Und sie waren einfach nett und sehr hilfsbereit. Sie haben mich auf Turniere mitgenommen und wir haben auch einfach mal spontan am Strand gebraait. Sie haben das Jahr auf jeden Fall bereichert. Das gute ist, dass viele von ihnen alle paar Jahre Deutschland besuchen. Dadurch ist es viel wahrscheinlicher sie wieder zu treffen als viele der Schüler/Lehrer der Schule. Und wenn ich wieder nach Namibia komme habe ich in Swakop immer ein Bett bereit ;)

 

Freitagvormittag hatten wir nur bis 10 Uhr Schule, danach hat eine Schulveranstaltung in der Stadthalle stattgefunden. Im Anschluss daran gab es eine Talentshow unserer Schule. Ich durfte in der Jury helfen und die Leistungen bewerten. Aber die ganze Zeit kamen Kinder und wollten eine Umarmung zum Abschied. Ein Vorgeschmack darauf, wie es nach der Show wurde. Viele Kinder habe ich zum letzten Mal gesehen und es sind viele Tränen geflossen. Es war so schwer Tschüss zu sagen. Immer diese Frage, warum ich gehe. Ob ich sie nicht mag… Sehr schwer… Vor allem in so einem Moment fragt man sich natürlich, ob so ein Freiwilligendienst gut für die Kinder ist. Immerhin bauen sie ein Jahr lang eine enge Beziehung auf und am Ende heißt es dann „Tschüss, ich bin dann wieder weg…“. Aber immer wenn ich darüber nachdenke frage ich mich, warum die Bindung einiger Schüler so eng zu uns ist. Als im Januar eine Lehrerin nach 3 (?) Jahren die Schule verlassen hat, war es gefühlt nicht so stark. Mit meiner Arbeit habe ich eine Job gemacht, den niemand anderes gemacht hat. In der Schule ist PE (Sport) immer das Fach gewesen, wo es am lockersten zugegangen ist. Schlechte Schüler wurden motiviert und auch mit den anstrengenden Fällen habe ich immer versucht ein freundliches Verhältnis mit klaren Grenzen zu haben. Die Nachmittagsprogramme gab es nur wegen meiner Arbeit (und der meiner Projektpartnerin). Wäre ich also nicht in Namibia gewesen hätte es meinen „Job“ nicht gegeben. Und das viele Kinder mich als wichtigen/relevanten Teil des Jahres angesehen haben freut mich sehr, aber wer wäre sonst der Ansprechpartner gewesen. Ich glaube das diese enge Verbindung zu einigen Kindern nur entstanden ist, dass ich anders war als alles was sie in ihrem Umfeld „haben“. Und ich glaube, dass man diese positiven Aspekte bei der abschließenden Bewertung beachten muss. Und dann komme ich zum Ergebnis, dass Abschiede immer schwer sind aber das Jahr beiden Seiten (mir und den Kindern) einen Vorteil gebracht hat.

 

Auf jeden Fall war die Stimmung sehr bedrückt und spätestens in dem Augenblick war allen klar, dass meine Zeit in Namibia zu Ende ist. Auch der Abschied von einigen Lehrern war schwer und der Schuldirektor wollte auf einmal ganz schnell nach Hause ;) Abends bin ich dann noch mit einem Lehrer unterwegs gewesen. Als „Überraschung“ hat er mich mit in den Gottesdienst seiner Kirche mitgenommen und ich hatten einen spannenden aber auch einen der skurrilsten Abende meines Jahres.

 

Am Wochenende stand dann Packen und Wohnung putzen auf dem Plan. Leider hatten wir kein overlap mit unseren Nachfolgern, also ein paar Tage zusammen, an denen wir sie in die Projekte einweisen konnten. Dann stand noch die Verabschiedung von Ulla, unserer Projektchefin, an. Ich bin ihr sehr dankbar für das Jahr und ihre Unterstützung. Ich konnte meistens machen was ich wollte wusste aber, dass sie bei Problemen/Fragen immer erreichbar ist. Montagmorgen bin ich dann nach Rehoboth gefahren, um den letzten Abend in Namibia mit zwei anderen Freiwilligen zu verbringen. Dienstagmorgen ging es dann nach Windhoek zum Flughafen. Wir sind über Johannesburg nach Frankfurt geflogen. Mein letztes Tafel Lager (seeehr gutes Bier, allein dafür lohnt sich eine Namibiareise) am Flughafen von Johannesburg war dann auch mit Abstand das teuerste des Jahres ;) Aber man gönnt sich ja sonst nichts…

 

In Frankfurt wurde ich von meiner Familie abgeholt und es war sehr schön alle wieder zu sehen. Aber ganz ehrlich: noch ein paar Monate in Namibia hätte ich sofort drangehängt ;) Mittlerweile kümmere ich mich um die Vorbereitung meines Masterstudiums und all die Dinge, die so anfallen. Trotzdem denke ich viel an Namibia und habe täglich Kontakt mit Lehrern/etc. Namibia ist jetzt ein Teil von mir…

 

 

 

Damit bin ich an dem Punkt angelangt, mich einfach mal bei allen zu bedanken, die mich unterstützt haben und mir dieses super Jahr ermöglicht haben. Als konstitutioneller Rahmen ist da „weltwärts“ und der ASC Göttingen von 1846 e.V. zu nennen. Ohne dieses Programm wäre das Jahr für mich so nicht möglich gewesen. Neben finanzieller Unterstützung ist auch der ganze administrative Aufwand überwältigend. Ich bin froh, dass sich um einen großen Teil davon andere kümmern mussten. Vor allem Julia war immer eine gute Ansprechpartnerin und im Notfall zur Stelle. Aber auch Yanneck und Daniel konnte man immer einer Mail schreiben (und hat auch meistens zeitnah eine Antwort bekommen ;) ). Sehr dankbar bin ich auch den ganzen Spendern, die mit kleinen oder großen Spenden ein Teil des Jahres finanziert haben und mir den Aufenthalt so ermöglicht haben. Den Spendern habe ich während des Jahres zweimal Karten geschrieben und auch ein kleines Dankeschön aus Namibia mitgebracht. Die Hilfe, die Ulla für mich war, habe ich ja bereits angesprochen. Aber trotzdem möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig Ansprechpartner vor Ort sind, vor allem am Anfang des Auslandsabenteuers. Bei allen allgemeinen Problemen konnte ich zu Ulla gehen und sie wusste auch immer jemanden, der helfen kann. An der Schule waren vor allem Mr Mathews, Mr Abrahams und Utjo immer für uns da. 45 Kinder zu unterrichten kann schon eine große Herausforderung sein und bei Problemen bekam ich immer Hilfe. Ebenso war es mit Coach Jackson bei den African Queens. Wenn man zum ersten Mal als Weißer durch DRC radelt wird man sehr komisch angesehen. Aber das Team und der Coach haben mich gut aufgenommen und am Ende habe ich zwei Mal in der Woche zum Bild von DRC gehört ;) Die Faustballer habe ich ja bereits angesprochen. Das Training hat immer Spaß gemacht (und manchmal weh getan) und die Zeit mit ihnen war einfach super! Wenn man solche Freunde hat ist das Leben einfacher. Zum Abschluss möchte ich mich noch bei Freunden und der Familie bedanken, die meine Entscheidung nach „Afrika“ zu gehen akzeptiert und größtenteils unterstützt haben. In einem solchen Jahr gibt es immer wieder Tiefpunkt und besonders dann braucht man auch mal Unterstützung aus der Heimat ;) Und die habe ich dann auch immer bekommen. Im Garten in Swakopmund stand eine Palme, die bei jedem Skype-Gespräch im Bild sein musste… Ich hoffe einfach mal, dass ich niemanden vergessen habe und wenn doch, dann trifft das alles bestimmt auch auf dich zu ;)

 

 

 

Ich möchte diese Stelle aber nochmal nutzen allen zu sagen, dass so ein Jahr eine super Sache ist. Ich würde sofort wieder gehen, wenn ich die Möglichkeit bekommen würde. Man lernt in dem Jahr so viele Dinge und kann durch den eigenen Einsatz so viel verändern. Ich habe so viele wunderschöne Erfahrungen gemacht. Daran werde ich immer denken und Namibia und seine Menschen haben mich geprägt. Das ist auch vielen Menschen in meiner Umgebung aufgefallen. In Namibia habe ich meistens auf Deutsch geflucht, da es nicht so oft verstanden wurde. Mittlerweile fluche ich am liebsten auf Afrikaans ;) Auch bin ich viel gelassener. Wer schon einmal 2 Stunden in der Bank für eine Einzahlung von umgerechnet 10 Euro angestanden hat, den bringt nichts mehr aus der Ruhe. 10 Minuten Verspätung vom Zug? 20 Minuten beim Arzt? Was ist das schon… ;) Und das soll jetzt nicht heißen, dass ich bei Verabredungen selber zu spät komme. Es ist eher so, dass man Zeit anders sieht. Während des Jahres wurde mir häufig der folgende Satz gesagt, der einen wahren Kern hat: In Europa habt ihr teure Uhren, wir in Afrika haben aber die Zeit…

 

Trotzdem gab es auch viele negative Momente. Und jeder der den Blog liest und denkt wie einfach alles war, stimmt nicht immer. Aber die positiven Momente haben für mich eindeutig überwogen und man schreibt natürlich auch keinen Blogeintrag, wenn es einem schlecht geht. Wenn Kinder geschlagen werden fühle ich mich bis heute schlecht, auch wenn ich es als Teil der Erziehung in Namibia akzeptiert habe. Ich kann nur zeigen wie ich ohne Schlagen auskomme und meine Ziele mit den Kindern erreiche, aber wer bin ich das Verhalten der anderen zu bewerten? Ein weiterer Punkt der mich unglaublich genervt hat war die Unfähigkeit/fehlende Motivation bei „Offiziellen“. Sein es Kampfrichter, Veranstalter von Events oder Trainer/etc. Viele Kinder sind so motiviert und freuen sich über jede Form der Nachmittagsbetreuung. Aber durch fehlende Organisation und Chaos schafft man es jedem Kind die Motivation zu nehmen. Das musste ich leider sehr oft erleben und dann meinen Teams erklären, warum das Spiel jetzt wieder ausfällt/etwas nicht funktioniert/etc. Im Endeffekt muss man im Kleinen etwas aufbauen und hoffen, dass nicht irgendwann von „oben“ eingegriffen wird. Daher fand ich die Swakopmund Women Soccer League so gut. Natürlich gab es immer wieder Probleme, aber ein paar Locals aus Mondesa haben es geschafft eine Liga aufzubauen, die mittlerweile im dritten Jahr läuft und erstmals einen großen Sponsor hat… Die Premier League (erste Namibische Männerfußballliga) läuft bis heute nicht wegen Geldern, die veruntreut wurden. Man muss nur hoffen, dass die Swakopmund Women Soccer League weiter so umsichtig geführt wird. Also an alle (zukünftigen) Freiwilligen: wenn es das ganze Jahr lang nur alles gut gelaufen ist habt ihr nicht alle Erfahrungen gemacht. Rückschläge gehören dazu und den Punkt, dass man einfach alles hinwerfen möchte, werdet ihr vielleicht auch erreichen. Aber ich würde sagen, dass es normal ist. Und wenn ihr nicht darauf vorbereitet wärt, hättet ihr das Jahr nie begonnen. Überlegt euch warum ihr den Schritt gemacht habt (den sich viele nicht getraut haben) und versucht die Probleme mit Freunden/Familie und den Ansprechpartnern vor Ort zu klären ;)

 

 

 

Jetzt bin ich aber wirklich fast am Ende, versprochen. Falls ihr Fragen habt oder selber über ein Jahr im Ausland nachdenkt, schreibt mich an! Wirklich! Wenn ich euch helfen kann werde ich es auch tun oder euch Tipps geben, wo ihr Antworten findet könnt. Und falls an deiner Schule/in deinem Sportverein viele Interesse an einem solchen Jahr haben, dann kann ich auch gerne für einen Vortrag vorbeischauen. Schreibt mir einfach eine Mail an daniel-in-namibia@gmx.de und wir finden eine Lösung ;)

 

 

 

PS: Meine Spielesammlung nimmt Struktur an. Sie hat mittlerweile 64 (?) Spiele und eine der neuen Freiwilligen wird sie fortführen. Und wie von mir gewünscht bekommen alle ASC Freiwilligen sie geschickt und können sie für ihren Unterricht nutzen. Hoffentlich eine Hilfe, die besonders am Anfang einiges erleichtert.

 

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